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bfi - AQUA
Lehrlingsausbildung in freier Natur
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In Zusammenarbeit mit der Alpenvereinsjugend erprobt das Berufsförderungsinstitut (bfi) Tirol neue Wege in der Lehrlingsausbildung
Nicht immer haben Lehrlingssausbilder/in und Lehrling ein gutes Verhältnis und manchmal könnten Lehrlinge etwas mehr Selbstbewusstsein und Sozialkompetenzen brauchen oder haben Lernschwierigkeiten. Im normalen Arbeitsalltag oder der Berufsschule ist allerdings oft kein Platz für die Lösung derartiger Probleme.
Das Tiroler EU Projekt AQUA hat sich dieser Aufgabe angenommen und erprobt u.a. neue Wege um Schlüsselqualifikationen von Lehrlingen zu stärken. Der SPOT Obernberg, das Umwelt- und erlebnispädagogische Zentrum der Alpenvereinsjugend, hat vom bfi-Tirol, einem der maßgeblichen Projektträger, den Auftrag erhalten für Lehrlinge und deren Ausbilder zwei „Erlebnispädagogische Seminare“ im Sinne sozialer Trainingsmaßnahmen durchzuführen. Ziel: Vermittlung von Schlüssel- und Sozialkompetenzen und Transfer des gelernten in das alltägliche Arbeitsleben.
Beteiligung verschiedenster Firmen
Einmalig dabei ist, dass Lehrlinge mit IHREN Ausbildern daran teilnehmen. Insgesamt haben 18 Personen die zwei jeweils zweitägigen Seminare besucht und die Gelegenheit wahrgenommen den unmittelbaren Arbeitskollegen/Arbeitskollegin bei Schneeschuhwanderungen und diversen Kooperationsübungen besser – und vor allem auch „anders“ – kennen zu lernen. Die Lehrlingsausbilder/innen und die Lehrlinge kamen von den verschiedensten Firmen und Institutionen: Dabei waren Beschäftigte eines Innsbrucker Spielwarengeschäftes, einer großen Möbelfirma, eines internationalen Baufachmarktes, eines lokalen E-Werkes. Zudem waren Teilnehmer/innen eines Berufsvorbereitungslehrganges und deren Ausbilder/innen mit von der Partie. Während letztere Gruppe mit sozialen Trainings schon etwas vertraut war, bedeutete es für die anderen richtiges Neuland. Geleitet wurden die Seminare von Christina Niederkofler (Dipl. Psychologin) und Renato Botte (staal. geprüfter Bergführer). Durchgeführt wurden sie im SPOT Obernberg, einmal mit Übernachtung im Lager, einmal mit Biwakieren im Freien.
Mit dem Lehrlingsausbilder gemeinsam biwakieren?
Ziemlich ungewöhnlich für einen Lehrling! Noch dazu bei Schneefall und Kälte. Doch trotz des schlechten Wetters und obwohl jeder für sich alleine das Biwak abgebrochen hätte, hat sich beim ersten Seminar die ganze Gruppe von vier Ausbildern und vier Lehrlingen für das Biwakieren entschieden. Und alle waren anschließend der Ansicht, dass die Übernachtung im freien ein besonderes Highlight darstellte. Doch abseits der Highlights – welche Erfahrungen aus der Sicht einer Jugendlichen gemacht wurden, zeigt folgender Bericht.
Auch Ausbilder/innen sind nur Menschen!
„Ich bin die Nadja und 16 Jahre alt, da ich noch kein Lehrverhältnis gefunden habe, weil ich mir in der Schule immer schwer getan habe, besuche ich derzeit einen Berufvorbereitungskurs. Meine Ausbilderin Bettina machte den Vorschlag bei diesem Seminar mitzumachen und ich stimmte sofort zu. Ich erlebe gerne viel Neues und war begeistert von der Idee auf einer Hütte zu schlafen und eine Schneeschuhwanderung zu machen. Allerdings war ich noch ein wenig unsicher und aufgeregt, was mich wohl erwarten würde, denn schließlich kannte ich ja niemanden von den anderen Leuten. Ich bin ja eher schüchtern und brauche immer einige Zeit um mit fremden Menschen warm zu werden. Es gab eine Vorbesprechung in der wir unsere Wünsche und Erwartungen an das Seminar sagen durften. Mir war wichtig zu lernen etwas von meiner Schüchternheit abzulegen und selbstbewusster zu werden. Außerdem war ich neugierig auf die anderen TeilnehmerInnen und wollte sie kennen lernen. Es hat mich sehr beruhigt und gefreut, dass noch ein Mädchen das ich kenne an dem Seminar teilnehmen würde – also alles halb so schlimm.
Am 13.01. Vormittag reisten wir dann nach Obernberg an und quartieren uns im SPOT ein. Die Betten wurden sogleich „bezogen“ und die vielen Wandinschriften gelesen. Als die anderen Teilnehmer ankamen begann das Seminar. Insgesamt waren wir zu zehnt. Wir machten ein paar sehr lustige Spiele um uns kennen zu lernen und sich die Namen zu merken. Nach der Mittagsjause ging’s dann los – wir marschieren mit Schneeschuhen in den Wald! Das war ein Abenteuer für mich, denn so etwas habe ich noch nie getan. Es ist gar nicht so leicht immer das Gleichgewicht zu halten und als erster durch den Schnee zu stapfen ist sehr anstrengend – darum haben wir immer gewechselt. Im Schnee haben wir dann Übungen gemacht die wir auch besprochen haben – das fand ich interessant. Es ging unter anderem auch darum warum die AusbilderInnen manchmal die Ideen, die die Lehrlinge haben, nicht hören können. Aber das feine dabei war, dass es leicht war darüber zu reden, weil wir es alle gerade gemeinsam erlebt haben. Wir haben dann auch noch ein paar lustige Spiele gemacht die mir viel Spaß machten.
Am Abend haben wir noch Theater gespielt und Begriffe zum Thema Arbeit dargestellt. Jeder sagte seine Meinung dazu. Ich konnte mich da ganz gut einbringen – die Gruppe war mir nicht mehr fremd.
Am nächsten Tag hatten wir eine weitere Wanderung vor. Ich war mir nicht so sicher ob ich mich darauf freuen sollte oder nicht, denn das Wetter war nicht so gut. Wir hatten vor, ca. eine Stunde zum Obernberger See hinauf zu gehen. Er schneite und der Wind war kalt und stark. Ich musste Durchhaltevermögen beweisen und wurde dafür immer wieder gelobt. Es war ein anstrengendes aber auch tolles Erlebnis und wir haben uns gemeinsam durch den Schnee bis ans Ziel gekämpft. Es wurde sehr aufeinander aufgepasst und wir hatten viel Spaß. Wir haben gejausnet und danach ein paar Vertrauensübungen gemacht. Es fiel mir leicht meiner Ausbilderin zu vertrauen und ich freute mich, dass sie sich auch von mir führen ließ. Ich habe das Gefühl, dass die Gruppenübungen schon viel besser als am ersten Tag funktionierten. Als wir wieder in die Hütte zurückkamen haben wir noch über die beiden Tage gesprochen und uns Wünsche für die Zukunft mitgegeben.
Was mir besonders gut an dem Seminar gefallen hat war, dass ich ein bisschen was von meinem Ziel erreichen konnte und dass das gar nicht anstrengend war, sondern so nebenbei funktioniert hat. Ich habe mich getraut in einer fremden Gruppe viel zu reden und bin ernst genommen worden – das war sehr schön.
Bei der Nachbesprechung ca. ein Monat darauf, haben wir uns Fotos angeschaut und geredet. Wir haben festgestellt, dass so ein Seminar für die Zusammenarbeit und das gegenseitige Vertrauen im Arbeitsalltag viel bringt.“
Auch Lehrlingsausbildner/innen profitieren
Nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für Ausbilder war es ein positives Erlebnis. So hob etwa eine Ausbilderin die „Spiele im Freien“ als besonders positiv hervor. Auf die Frage, ob sie ein derartiges Seminar gerne wieder machen würden gibt es ein deutliche „Ja, sicher“.
Viele Ausbildner/innen erzählten in der anschließenden Reflexion, dass sie gelernt hätten wirklich zuzuhören, die Lehrlinge mitreden zu lassen und auch einzubeziehen, und dass auch die Bereitschaft zum Risiko gestiegen sei. Für einen Lehrlingsausbilder, der mit seinem Lehrling in einem technischen Bereich arbeitet, waren die „psychologischen Spiele“ sehr ungewohnt. Doch auch dabei wurde „viel Neues“ gelernt.
Erlebnispädagogik als Teil des EU-Projektes AQUA
AQUA ist die Abkürzung für „apprenticeship quality“ und wird am besten übersetzt als „Lehre mit Qualität“.“ Neun Partnerinstitutionen haben sich zusammengeschlossen um von Herbst 2002 bis Frühjahr 2005 innovative Impulse für den Tiroler Lehrstellenmarkt zu setzen. Das Ziel ist neben einer intensiven Vernetzung aller Akteure der Lehrlingsausbildung die Erarbeitung von neuen Bildungsangeboten und zwar sowohl für Lehrlinge als auch für Ausbilder/innen und Berufsschullehrer/innen. Zielgruppe sind Jugendliche mit Lernschwierigkeiten bzw. mit kognitivem oder sozialem Förderbedarf. Ausgangspunkt ist eine Studie, in der die unterschiedlichen Erwartungen aller Beteiligten an eine erfolgreiche Lehrlingssausbildung erhoben wurden. Die Ergebnisse flossen u.a. in „Train the Trainer“ Seminare ein, in denen Berufsschullehrer/innen gemeinsam mit Ausbilder/innen ihre Erfahrungen im Umgang mit förderungswürdigen Jugendlichen austauschen können und in methodischer Hinsicht qualifiziert werden. Zur besseren Vermittlung von Schlüsselqualifikationen wurden auch erstmals die hier beschriebenen soziale Trainingsseminar durchgeführt. Berufsschüler/innen mit Lernschwierigkeiten wird im Rahmen von AQUA weiters die Möglichkeit geboten unabhängig vom Lernort „Schule“ sich berufsschulrelevanten Lernstoff mittels Lernsoftware anzueignen.
Transfer ins Arbeitsleben
Beide Erlebnispädagogischen Seminare wurden einer ausführlichen Beurteilung unterzogen, um Empfehlungen für eine Fortführung abgeben zu können.
Fast alle Teilnehmer/innen gaben an, persönlich sehr profitiert zu haben und mehr über sich selbst sowie über ihre unmittelbaren „Arbeitskollegen“ erfahren haben. Die meisten finden auch, dass das Seminar eine Hilfestellung im Umgang mit dem „Chef bzw. dem Lehrling ist.
Ein Lehrlingsausbilder war gewissermaßen überrascht von den positiven Effekten des Seminars: Einer seiner Lehrlinge war vor dem sozialen Training „schüchtern und verschlossen“. Er sprach wenig und stand bisweilen im Abseits. Inzwischen ist die Kommunikationsfähigkeit deutlich gestiegen: Der Lehrling ist am ersten Arbeitstag nach dem Seminar „gleich auf die Mitarbeiter seiner neuen Abteilung zugegangen und hat sie mit Handschlag begrüßt. „Insgesamt“, so der Lehrlingsausbilder, „wirke er viel aufgeschlossener“. Und damit wäre offenbar ein Transfer des Erlernten in das tägliche Arbeitsleben geglückt.
„Jederzeit wieder“
Peter und Patrick, zwei Lehrlinge, würden so ein Seminar „jederzeit wieder“ machen. Der Grund: „man traut sich jetzt mehr reden“. Und während sie dies sagen, blicken sie dem Gesprächspartner selbstbewusst in die Augen. Ob sie glauben, dass auch andere Lehrlinge davon profitieren könnten? Ein derartiges Seminar, so die beiden Lehrlinge, könne man „jedem empfehlen, der einen Schub braucht“. Als Motivation also gut geeignet. Und was Ihnen persönlich am besten gefallen habe, war ganz einfach: „Z’ammen was machen“. Wobei die Schneeschuhwanderung am allerbesten abgeschnitten hat. Nicht so gut angekommen ist die abendliche Reflexionssitzung. „Das war schlecht“.
Als nachteilig wurde von den meisten Teilnehmer/innen empfunden, dass nicht einmal zwei ganze Tage zur Verfügung standen. Zwei bis drei Tage für ein Seminar wären das mindeste gewesen. So richtig dieses Argument aus erlebnispädagogischer Sicht ist, so schwierig wäre es allerdings gewesen aufgrund der Neuartigkeit der Methode, Betriebe für diese Investition zu begeistern. Immerhin wurden die Seminare in der Arbeitszeit durchgeführt, was für die Firmen den unmittelbaren Entfall der Arbeitsleistung bei - noch - schwer abschätzbaren Nutzen bedeutete.
Ausblick
Während viele Unternehmen dem Instrument „Erlebnispädagogik“ in der Lehrlingssausbildung noch skeptisch gegenüberstehen, hatte beispielsweise die Großbäckerei Ruetz großes Interesse angemeldet. Acht Beschäftigte, das wäre beinahe die Gesamtteilnehmer/innenanzahl eines Seminars, konnten allerdings leider nicht mitmachen, da der Kurs schon voll war. Ein soziales Trainingsseminar mit Teilnehmer/innen einer einzigen Firma könnte beispielsweise zusätzlich zur innerbetrieblichen Teambildung beizutragen.
Derartige soziale Trainings können – auch aufgrund der begrenzten Zeitrahmens – keine Wunder wirken. Sie können Türen öffnen zu mehr Schlüsselqualifikationen. Aufstoßen müssen die Teilnehmer/innen sie schon selber. Insofern ist nach Aussage der Teilnehmer/innen und Trainer/innen Erlebnispädagogik zur Förderung von Sozial- und Selbstkompetenzen geeignet.
Beim nächsten Lehrlingssausbilder/innen-Kongress im Herbst 2004 in Innsbruck werden die Erfahrungen mit den durchgeführten Seminaren zur Sprache gebracht werden. Ebenso werden sie Eingang finden in das von AQUA für Ende 2004 in Aussicht gestellte „Qualitätshandbuch für die Lehrlingsausbildung“.
Die positiven Erfahrungen mit den sozialen Trainingsseminaren, insbesondere mit dem Anbieter „Alpenvereinsjugen“ werden dafür sorgen, dass für bestimmte Ausbildungsziele in der österreichischen Lehrlingsausbildung zunehmend erlebnispädagogische Elemente einfließen werden.
Projektbericht zum Download (PDF, 167KB)
Weitere Informationen zum EU-Projekt AQUA: www.lehre.or.at oder unter: bfi.koch@tirol.com
Autor: Mag. Bernhard Koch Gesamtkoordinator des Lehrlingsprojektes AQUA
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