Eine Woche im Flussbett des "Tagliamento"



Zu Beginn dieses Berichtes möchte ich kurz meinen Arbeitsplatz vorstellen:

Gemeinsam mit acht weiteren Kollegen arbeite ich, Beate Schäffel, als

Sozialpädagogin im Sozialpädagogischen Zentrum des Landes Kärnten im Freizeitbereich der Jugendwohngruppen.

In unserer Institution wird beeinträchtigten Jugendlichen die Möglichkeit einer dreijährigen Ausbildung in einer Anlehre geboten(Malerei, Tischlerei, Gärtnerei, Hauswirtschaft und EDV). Stärker beeinträchtigte Jugendliche werden in der Förderwerkstätte betreut.

 

Im Rahmen eines Fortbildungsprogramms nahmen eine Kollegin und ich an einem Seminar über Erlebnispädagogik von Bernd Bösser teil (Tagliamento -Flusswanderung).

Erst nur als Selbsterfahrung und Lernen für uns gedacht, so konnten wir uns im Verlauf des Seminars eine Umsetzung mit einigen unserer Jugendlichen immer besser vorstellen.

 

Deshalb warteten wir nach unserer Rückkehr nicht lange sondern besprachen uns mit unseren Kollegen. Nach allgemeiner Zustimmung zu unserem Vorhaben konnten wir auch noch Bernd Bösser als professionellen Leiter gewinnen.

 

Danach begannen wir mit einer sorgfältigen Auswahl der Jugendlichen, die wir auf diese erlebnispädagogische Woche mitnehmen wollten.

Letztendlich entschieden wir uns für eine Gruppe von sechs Jugendlichen, vier Burschen und zwei Mädchen im Alter zwischen sechzehn und einundzwanzig Jahren.

Vier von ihnen befanden sich in einer beruflichen Anlehre, zwei arbeiteten in der Förderwerkstätte.

 

Bei dieser Auswahl der Jugendlichen sahen wir eine gute Möglichkeit des Dazu – Lernens durch „learning by doing“.

Wir achteten darauf, dass nicht Jugendliche mit gleich schwieriger Problematik in der Gruppe waren (Aggressivität, provozierendes Verhalten).

 

Allerdings war niedriges Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl allen gemeinsam, ebenso wie verminderte soziale und lebenspraktische Intelligenz.

 

Unsere erreichbar scheinenden Ziele für die Jugendlichen waren:

Steigerung des Selbstbewusstseins und der Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit erlangen, persönliche Ressourcen entdecken, eigene

Grenzen erkennen, Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit, Überwindung von Ängsten, Training von Ausdauer und Durchhaltevermögen, Verantwortung tragen und mit ihr umgehen, Kreativität entwickeln.

 

Die Erstinformation und Anwerbung der Jugendlichen erfolgte durch Gespräche. Fotos und Dias von unseren Seminartagen weckten das Interesse.

Im Feber 2002 erfolgte schließlich das erste Treffen der Gruppe mit Bernd Bösser. Es wurde die Planung besprochen und eine Vorbereitungsliste erstellt.

Von nun an trafen wir uns wöchentlich, alle drei Wochen mit B. Bösser.

Bei jedem Treffen wurde ein Schwerpunkt unserer Liste erarbeitet, wie z. B:

 

-          Einteilung der Kochgruppen

-          Selbstversorgung (welche Lebensmittel müssen besorgt werden)

-          Was gehört in den Rucksack

-          Wie wird dieser gepackt (praktische Übung)

-          Kompass- und Wanderkarten „lesen“

 

Nachdem wir diese Themen zu unser aller Zufriedenheit erarbeitet hatten, stand am Ende der Vorbereitungsphase eine „Probewanderung mit Übernachtung“ auf dem Programm.

Das Ziel war Zell Winkel in den Karawanken.

Die Bedingungen konnten nicht schlechter sein – es regnete ununterbrochen in Strömen. Dennoch wurde es ein voller Erfolg!

Wir waren gerüstet für eine erlebnispädagogische Woche im Flussbett des Tagliamento!

 

Am 13. Mai war es dann soweit.

Tage zuvor schon waren die Rucksäcke unter unserer Aufsicht gepackt worden und auch die restliche Ausrüstung stand bereit.

Doch unerwartet wurde meine Kollegin krank und konnte nicht mitfahren.

Der Heimbus brachte uns zu unserem Ausgangspunkt nach „Forno di sotto“  im oberen Tagliamentotal.

 

In sechs Tagen sollten wir an unserem Zielort wieder abgeholt werden. Von nun an waren wir auf uns allein gestellt. 

 

 

1.Tag

 

Zu Beginn unseres Marsches wurde eine Kochgruppe zur Führung eingeteilt.

Die Führung sollte jeden Tag wechseln.

Aufgabe der beiden war es die Pausen und Rastplätze zu bestimmen und auch einen geeigneten Platz für das Nachtlager zu finden.

 

Die größten Schwierigkeiten hatten die Jugendlichen mit dem Halten des Gleichgewichtes. Die schweren Rucksäcke bereiteten ihnen im unebenen Gelände ziemliche Probleme, da es wortwörtlich über Stock und Stein ging und auch schon Flussquerungen gemacht werden mussten. Das Wasser war hoch und die Strömung stark.

 

Wir fanden ein recht weiches Nachtlager – einen in das Flussbett einmündenden Waldweg.

Nun mussten folgende Arbeitsschritte erledigt werden: Zelte aufstellen, Feuerholz sammeln, Abendessen am Spirituskocher zubereiten, Brot backen.

Fazit: alle Jugendlichen waren schon von den ungewohnten Anstrengungen müde und brachten nichts mehr zuwege. Es herrschte das reinste Chaos.

Bernd und ich mussten überall helfen und saßen schließlich noch um Mitternacht beim noch zu backenden Brot der Jugendlichen.

Dasselbe erlebten wir in der Früh. Es dauerte sehr lange bis alle gefrühstückt und gepackt hatten, was wiederum nur mit unserer Hilfe möglich war.

Bei der Morgenreflexion kam – nichts!

 

 

2.Tag

 

Das Tal wurde enger, das Wasser höher, die Strömung stärker.

Wir mussten den Jugendlichen bei jeder Flussquerung einzeln und ohne Rucksack hinüberhelfen und danach noch die Rucksäcke holen. Immer öfter waren Pausen notwendig, damit alle ihre Schuhe vom feinen Schotter befreien konnten. Es war sehr anstrengend und es passierte des öfteren, dass jemand hinfiel oder in der Strömung das Gleichgewicht verlor. Für nasse Kleidung und Schlafsäcke war gesorgt.

Doch diesmal hatten wir einen überdachten Schlafplatz und brauchten die Zelte nicht aufzustellen.

 

Auch das Kochen funktionierte um einiges besser, diesmal packten alle an, jeder half mit, die Stimmung stieg. Nach dem Essen spielten die Jugendlichen Karten und es wurde ein recht gemütlicher Abend. So langsam kamen die Probleme der Jugendlichen differenzierter zum Vorschein: beim Kochen, Zusammenpacken traten die Defizite deutlich zutage, wie z. B. fehlende Raum – Lage Koordination.

Ebenso bei der Abend- und Morgenreflexion wurde vor allem der Unterschied Anlehre – Förderwerkstätte ersichtlich. Die beiden Jugendlichen der Förderwerkstätte waren nicht in der Lage, sich auch nur in irgendeiner Form zu ihrem Befinden, ihren Gefühlen und dem Erlebten zu äußern.

Allerdings waren auch die anderen Vier sehr sparsam mit ihren Anmerkungen. 

 

 

3.Tag

 

Der Tag begann sehr schön, aber die Anstrengung stieg. Die Schlucht wurde enger, das Wasser höher, Die Strömung stärker. Es ging ständig über Felsen und Berge von Schwemmholz. Die Jugendlichen waren nicht in der Lage ihre Rucksäcke zu tragen.

Etappenweise führten wir die Jugendlichen einzeln über das steile, unwegsame Gelände und holten danach die Rucksäcke. Bis zu Mittag ging es noch halbwegs weiter. Nach der Mittagspause war es aber nicht mehr möglich den Fluss zu queren, wir mussten oft durch brusthohes Wasser waten.

Dann ging nichts mehr. Nachdem wir nicht auf die andere Seite konnten, mussten wir umkehren. Den ganzen schwierigen Weg wieder zurück. Dort wo wir zu Mittag Pause gemacht hatten, fanden wir auf einer Waldlichtung einen tollen Platz für unser Nachtlager.

Als erstes verarzteten wir die vielen Kratzer und Abschürfungen auf unseren Beinen, die wir bei diesem Marsch abbekommen hatten.

Danach bemerkten Bernd und ich einen ersten großen Fortschritt. Die Jugendlichen stellten die Zelte alleine auf, halfen sich gegenseitig auch beim Kochen. Wir konnten uns ausruhen und sahen dem Treiben interessiert zu.

Nachdem an diesem Abend alle erschöpft waren und uns die Gelsen überfielen, kehrte bald Ruhe ein. 

 

 

4.Tag

 

Der Morgen war wunderschön, alle waren ausgeruht, die Stimmung toll. Nach einem gemütlichen Frühstück verlief die Aktion „Zusammenpacken“ schon sehr gut. Wieder halfen sich alle ungefragt gegenseitig. Einzig A. hatte noch Probleme, seinen Schlafsack in die Hülle zu bekommen.

Auch die Morgenrunde verlief überraschend positiv indem sich auch die beiden Jugendlichen der Förderwerkstätte kurz – aber immerhin – zu Wort meldeten.

 

Für diesen Tag war die Umgehung der Schlucht auf der Straße geplant. Es stand uns ein langer Weg bevor. Wider Erwarten und trotz der Hitze kamen wir gut voran. Schon nach der Mittagspause konnten wir die Straße verlassen. Durch den Wald ging es eine anspruchsvolle Strecke wieder Richtung Fluss – bergauf, bergab, steil abfallend.

 

Um fünfzehn Uhr waren wir am Tagesziel – ein traumhafter Platz mit feinem Kies, viel Sonne und jeder Menge Feuerholz.

Es dauerte nicht lange und die Zelte standen. Danach ging es im Badeanzug an den „Strand“, sprich ans Flussufer. Die vom Asphalt brennenden Füße baumelten ins Wasser, die Sonne schien auf die Bäuche und es herrschte an diesem Nachmittag „dolce vita“!

Später saßen Bernd und ich bei einem Kaffee und beobachteten das Treiben rings um uns. Es war herrlich und ich wusste, dass sich diese Woche gelohnt hatte.

Die Kochgruppen teilten sich ohne viele Worte die Arbeit: einer suchte Feuerholz während der andere das Essen vorbereitete.

Wir brauchten niemanden zu helfen und sahen voll Begeisterung zu wie alles einwandfrei funktionierte.

Der Abend klang mit einer „Vorlesestunde“ aus einem Krimi sehr humorvoll aus.

Die lange Rast am Nachmittag hatte allen gut getan. 

 

5.Tag

Die letzte Etappe – wenig anstrengend – wollten wir heute bewältigen.

Dann kam die Hiobsbotschaft. R. war krank, hatte Durchfall bekommen, weil sie nicht abgekochtes Wasser aus dem Fluss getrunken hatte. 

Um ihr Zeit zu geben sich zu fangen, ließen wir uns mit dem Packen Zeit, lagen noch in der Sonne.

Am späten Vormittag mussten wir dann jedoch aufbrechen, damit wir am Abend noch unser Endziel erreichen konnten.Alle paar hundert Meter musste R. zurückbleiben, aber sie hielt tapfer durch.

Bernd trug ihren Rucksack und so konnte sie es schaffen.

Die Freude war bei allen groß, dass wir unser Ziel trotz erheblicher Anfangsschwierigkeiten und natürlicher Hindernisse erreicht hatten.

 

Die Zelte wurden zum letzten Mal trotz stürmischen Windes perfekt aufgestellt und mit Steinen gesichert, da die Heringe im steinigen Boden nicht hielten.

R. zog sich in ihr Zelt zurück und wir Übrigen beschlossen den Abend nach dem Essen mit lustigen Spielen und noch einem Krimikapitel.

Die letzte Nacht auf spitzen Steinen war recht ungemütlich. 

 

 

6.Tag

Der Morgen begann leider etwas hektisch und chaotisch. Wir standen etwas unter Zeitdruck und beim schnellen Packen lief einiges schief.

Zeit für die Morgenreflexion blieb leider keine, da der Heimbus schon wartete, und unser Fahrer einen Termin hatte.

Wir brachten ihn dorthin und fuhren dann allein zurück an die Gail um unsere Abschlussrunde nachzuholen.

Aber es war aus der Reihe, die Woche war vorbei und es kam nicht mehr viel.

Wir aßen noch gemeinsam in einer Pizzeria zu Mittag und ließen es uns nach dieser kargen Woche schmecken.

Auch meine Kollegin hatten wir eingeladen und konnten ihr von unseren Eindrücken und Erlebnissen gar nicht schnell genug erzählen.

 

 

Als wir ins Heim zurückkehrten, wurden die Jugendlichen schon von ihren Eltern erwartet – und jeder freute sich auf sein weiches Bett! 

 

Mit einem Diavortrag für unser ganzes Haus zu dem die Jugendlichen ihre Erlebnissen erzählten, schlossen wir unser Projekt ab.

 

In der Zeit nach unserer Rückkehr konnten wir deutliche Lernerfolge bei den Jugendlichen feststellen.

Alle von uns gesetzten Ziele konnten natürlich nicht erreicht werden.

Aber ohne zu zögern und mit sicheren Handgriffen bereiteten sie sich selbständig einfache Mahlzeiten zu, erledigten die danach anfallenden Arbeiten ganz selbstverständlich.

Der Stolz über die erbrachte Leistung bei der Flusstour steigerte natürlich ihr Selbstbewusstsein

Der weitere Werdegang unserer Teilnehmer an der erlebnispädagogischen Woche war folgender:

Die beiden Jugendlichen aus der Förderwerkstätte stiegen in die Anlehre auf und sind noch bei uns.

Ein Mädchen konnte noch im Sommer an einen Arbeitsplatz vermittelt werden.

Drei Burschen verbrachten noch ein Jahr in unserer Trainingswohnung mit nur minimaler Betreuung. Nach diesem Jahr konnten wir sie ebenfalls erfolgreich in die Arbeitswelt entlassen.



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