Bahn frei 

 

Bahnfrei - Bergwoche 2003

 

Erlebnispädagogische Woche mit Jugendlichen aus einer Wiener Stadtrandsiedlung



Institution

 

Verein Bahnfrei; Frank Wenning

 

 

Zielsetzung

 

Erweiterung des Erfahrungshorizontes der Jugendlichen bezogen auf das eigene Verhalten in ungewohnten Situationen, auf die Gruppendynamik und auf die Natur und alpine Umgebung.
Förderung von sozialem Verhalten und der Bereitschaft, Verantwortung in der Gruppe zu übernehmen
Erweiterung des persönlichen Know-hows; bei der Selbstversorgung in der Hütte und bei den erlebnispädagogischen Elementen.

 

Unter dem Namen „Bahnfrei-Bergwoche“ fand Anfang Juli 2003 die erste größere erlebnispädagogische Aktivität des Vereins Bahnfrei statt. Bis dahin hatte der Verein Bahnfrei kaum Erfahrung in der erlebnispädagogischen Arbeit mit Jugendlichen. Ein Teammitglied hat daher die einjährige Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik des Österreichischen Alpenvereins absolviert. Das Projekt „Bahnfrei-Bergwoche“ stellte nicht nur die Abschlussarbeit seiner Ausbildung, sondern auch den Startschuss für weitere erlebnispädagogische Aktivitäten im Rahmen unserer stadtteilorientierten mobilen Jugendarbeit dar.

 


Das Projekt


Von der Hütte der Bergrettung Selzthal aus, starteten wir unsere Aktivitäten rund um die Steilwände des Bosruck. Insgesamt umfasste das Projekt 7 Jugendliche, 6 Tage und 5 Nächte, 4 Regentage, 3 selbstgemachte Mahlzeiten pro Tag, 2 BetreuerInnen und einen Hund namens Charlie. Und natürlich umfasste das Projekt vielfältige erlebnispädagogische Spielformen und andere spannende Aktivitäten. Trotz des kühlen und regnerischen Klimas wurde den beteiligten Jugendlichen des öfteren warm; sei es bei der Bachüberquerung der schwindelerregenden Seilbrücke, beim hinterlistigen Schlussanstieg der Wanderung, beim eigenhändigen und freihängenden Abseilen im Fels oder einfach nur beim Zwiebelschneiden oder beim Holzhacken und dem darauf folgenden Grillen am Lagerfeuer.

 


Zielgruppe


Wir sprachen mit dem erlebnispädagogischen Angebot, gemäß der konzeptionellen Ausrichtung des Vereins Bahnfrei, grundsätzlich alle Jugendlichen im Stadtteil an. Wir gingen davon aus, dass die meisten als „Stadtjugendliche“ bisher wenig Erfahrung im alpinen Bereich und ein eher distanziertes Verhältnis zur Natur haben. Im Verlauf der Werbungsphase für die Bergwoche kristallisierte sich bald eine Kerngruppe heraus, die im Alter zwischen 14-16 Jahren lag. Letztendlich haben sich 7 Jugendliche angemeldet, was viel Motivationsarbeit von Seiten des gesamten Bahnfrei-Teams erforderte. Obwohl wir uns sehr um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mädchen und Burschen bemühten, konnten wir letztendlich nur 2 Mädchen für die Teilnahme gewinnen. Bei der Gruppe handelte es sich um Jugendliche, die teils schon länger eng befreundet waren, teils aber auch nur in losem Kontakt zueinander standen. Grundsätzlich hatten alle Beteiligten einen guten Anschluss an die Gruppe; Einzelgänger oder auch Jugendliche mit besonderen sozialen Defiziten waren keine darunter.

 


Ziele


Grundlegend für die ganze Woche mit all ihren Aktivitäten und all ihren Methoden war für uns die Erweiterung des Erfahrungshorizontes der Jugendlichen bezogen auf das eigene Verhalten in ungewohnten Situationen, auf die Gruppendynamik und auf die Natur und alpine Umgebung.
Im Jugendtreff „Waggon“, wo sich alle beteiligten Jugendlichen mit großer Regelmäßigkeit aufhalten, richten wir ein besonderes Augenmerk auf die Eigenverantwortung der Jugendlichen. Dies zeigt sich zum Beispiel im „cáfe freiraum“, unserem unbetreuten und selbstorganisierten Jugendclub. Daher lag auch bei der Bergwoche ein besonderes Gewicht auf der Förderung von sozialem Verhalten und der Bereitschaft, Verantwortung in der Gruppe zu übernehmen. Das gemeinschaftliche Leben in der Selbstversorgerhütte und die nötige Kooperationsbereitschaft bei den einzelnen erlebnispädagogischen Aktivitäten stellten hier eine ideale Grundlage dar, um mit den Jugendlichen gemeinsam solch oft abstrakte Begriffe wie „Eigenverantwortung“ und „Solidarität“ mit Leben zu füllen und greifbarer zu machen.
In den Vorbereitungstreffen kristallisierte sich sehr schnell eine weitere Zielsetzung heraus. Von einigen Jugendlichen wurde dort sehr massiv das Thema „Alkohol“ ins Spiel gebracht, indem sie in den schillerndsten Farben ihre angestrebten „alpinen Vollräusche“ beschrieben. Dieser Dynamik konnten wir in der Vorbereitungsphase nur teilweise den Wind aus den Segeln nehmen, weshalb wir ein neues Ziel formulierten: „Wir wollen mit den Jugendlichen soviel Action und soviel intensive Augendblicke erleben, dass sie das „sich betrinken“ gar nicht mehr brauchen.“ Zusätzlich wollten wir sie auch körperlich so fordern, dass sie sich abends auf`s Bett und weniger auf`s Bier freuen.

 

Neben den gruppenbezogenen Zielsetzungen war uns die Stärkung des Selbstbewusstseins der Einzelnen wichtig. Dies sollte u.a. über die Erweiterung des persönlichen Know-hows erfolgen; durch neue Kenntnisse, die bei der Selbstversorgung in der Hütte und bei den erlebnispädagogischen Elementen erlernt werden. Besonders wollten wir hier die Mädchen stärken und dadurch die Gleichberechtigung in der Gruppe fördern. Heraus sollte kommen: „Die Mädchen können es mindestens genauso gut!“
Last but not least ging es uns auch um eine Sensibilisierung für ökologische Aspekte. Neben einzelnen Spielformen wollten wir hier den Jugendlichen hauptsächlich Raum lassen, um einen persönlichen Zugang zur Natur zu finden. Wir haben dabei darauf vertraut, dass die Natur selbst für sich spricht; und auch unsere Stadtjugendlichen ein offenes Ohr dafür entwickeln können.

 


Projektvorbereitung


Schon Ende 2002 begannen die Vorbereitungen für die Bergwoche. Da wir im Bahnfrei-Team mit einem solchen Projekt Neuland betraten, wollten wir uns sehr gewissenhaft vorbereiten. Zuerst wurde die Hütte am Bosruck gesucht und gebucht, unmittelbar danach begannen wir mit der Bewerbung im Jugendtreff über Aushänge, Flyer und v.a. persönliches Ansprechen der potenziellen TeilnehmerInnen. Weitere Schritte waren die Konzepterstellung, die Planung der einzelnen erlebnispädagogischen Elemente, die Suche nach Sponsoren und die Materialbeschaffung. Für eine gute Planung vor Ort verbrachten wir ein Wochenende auf der Hütte und suchten Plätze und Routen für die geplanten Aktivitäten. Kurz vor der Bergwoche hielten wir zwei verbindliche Vorbesprechungen mit den Jugendlichen ab, wo neben der Einigung auf bestimmte Regeln und den Plänen für den Küchendienst die Einstimmung auf die gemeinsame Woche in den Bergen im Mittelpunkt stand. Ebenfalls kurz vor dem Start hielten wir einen Elterninfoabend ab und besuchten einen Erste-Hilfe-Kurs. Derart vorbereitet konnte es dann endlich losgehen.

 

Selzthal   Die Gruppe  Beim Klettern

 

 

 

Projekt-Tagebuch

 


Dienstag 01.07.2003


Wir kommen mit etwas Verspätung bei der Bergrettungshütte Selzthal an; zeitgleich mit der schon seit Tagen prognostizierten Kaltfront. Nach einer Jause starten wir im Nieselregen unser Abenteuerspiel. Es handelt von der edlen Zauberin Memoria die eine Gruppe in das vom bösen „Triefgurker“ verhexte Waldstück führt, um dort diverse Abenteuer zu erleben und einen geheimnisvollen „Schatz von Amnesia“ zu bergen. Na, das ist eine lange Geschichte; jedenfalls gibt es „jedoch ein Geheimnis, den Schatz zu bergen: Der Horizont des Triefgurkers beschränkte sich natürlich auf das, was er kannte. Gruppenleben und Zusammenhalt kannte er nicht – er hatte es noch nie erlebt und gesehen und glaubte deswegen nicht daran. Und so machte er beim Fallen- und Gefahrenlegen einen Fehler : Zwar sind sie für Einzelne unüberwindlich – doch eine feste kleine Gemeinschaft könnte es schaffen, wenn sie gut aufeinander achtet...(Auszug aus der Spielgeschichte) Vor der ersten Spielstation werden die Jugendlichen aufgefordert, ein Symbol für die eigene Person und danach ein Gruppensymbol zu finden. Dazu müssen sie drei Eigenschaften nennen, die eine Gruppe braucht, um Schwierigkeiten zu meistern. Nach kurzer Diskussion einigen sie sich auf: „Freundschaft“, „Zusammenhalt“ und „Vertrauen“.
Die Stationen des Spieles sind: „Das Spinnennetz“, „Der Vertrauensgang“, „Das Gefängnis“, „7 auf 4“ und zum Abschluß die Bergung des Schatzes im „Nebel von Amnesia“.
Nach furiosem Beginn verliert die Gruppe mit der Zeit etwas die Geduld; vielleicht durch das nasskalte Wetter oder zu viele Aufgabenstellungen. Die Reflexion wird an Ort und Stelle durchgeführt, indem die Symbole (persönliche und eines für die Gruppe) platziert werden. Es werden neben der persönlichen Einschätzung des Geschehens die drei schon zuvor ermittelten Eigenschaften einer guten Gruppe besprochen. Die Gruppe schätzt sich extrem positiv ein, obwohl gleichzeitig angesprochen werden. Diese Wahrnehmung der Leitung wird der Gruppe mit auf den Rückweg gegeben. Dieser Rückweg wird dann ein Abenteuer für sich. Drei Jugendliche sind auf einmal weg und werden erst 2 Stunden später in völliger Dunkelheit und mitten im Gewitter wieder gefunden. Ein spannender erster Tag.

 

Bergrettungshütte Selzthal Gruppenspiele

 


Mittwoch 02.07.2003

 

Stabiles Wetter – also auf zum Kletterfelsen. Die Gruppe ist guter Dinge, das Abenteuer des Vorabends ist natürlich noch Thema. Wir inspizieren erst malden Fels und ich erkläre gleichzeitig die wichtigsten Regeln und das Prinzip einer Toprope - Station. Danach üben wir gemeinsam den Halbmastwurf, bis jetzt machen sie vorzüglich mit. Daher zeige ich nur ganz kurz den „Schnelllernern“ den Achterknoten und gehe dann zum Vorstieg, um zwei Stationen einzurichten. Wieder zurück können schon alle den Knoten; klasse. Geklettert wird immer zu dritt, da es als Hintersicherung noch einen „Sicherheitschef bzw. -chefin“ gibt. Das Sichern klappt super, der „Partnercheck“ wird sehr gewissenhaft gemacht und alle sind sehr aufmerksam. Danach geht es zur Abseilstation, die ein echter Hammer ist, da sie ca. 8 Meter freies Hängen im Überhang beinhaltet. Nachdem zuerst großer Respekt und auch Ablehnung da ist, werden die Jugendlichen bei der „Trockenübung“ am leicht geneigten Gelände sicherer.Letztlich wagen alle bis auf zwei Burschen den großen Schritt über den Überhang. Schade ist, dass die Gruppe nicht zusammen bleibt, bis alle unten sind. Das Rauchen ist ihnen wichtiger. Das wird später in der Reflexion thematisiert. Überhaupt zeigt die positive Stimmung in der Gruppe schon sehr große Risse. Es wird von einigen ein großer Egoismus Einzelner beklagt. Das Grillen am Abend hebt die Stimmung wieder

 

Trockenübung Toprope - Station Beim Sichern

 

 

Donnerstag 03.07.2003

 

Wandertag! Von den Jugendlichen „mit Schrecken“ erwartet. Vor dem Start werden zwei freiwillige Burschen in die Kunst des Karten- und Kompasslesens eingewiesen. Wir stellen klar, dass wir vom Team ab jetzt nur noch Teilnehmer der Wanderung sind und auf Fragen nach dem Weg „nur noch blöde Antworten“ geben. Die ersten zwei Weggabelungenwerden souverän gemeistert, dann aber werden wir von den „Wanderführern“ immer öfter auf falsche Pfade geführt. Das zunehmend nasse und kalte Wetter setzt den eher schlecht ausgerüsteten Jugendlichen zunehmend zu, es gibt aber keine Alternative mehr zur Beendigung der Rundtour. Nach dem Besuch des offiziellen Ziels, der „Dr. Vogelgesang-Klamm“, steht noch ein Aufstieg von 400 Höhenmetern, eine Attacke angriffslustiger Stiere und ein weiterer Irrtum bei der Wegsuche vor den Jugendlichen. Mittlerweile schüttet es aus Kübeln. Der Abstieg zur Hütte wird wieder eher lustig, da viele auf dem morastigen Untergrund ausrutschen und im Schlamm landen. Beim Abendessen herrscht prima Stimmung. Inhalt der Reflexion ist die Entscheidungsfindung in der Gruppe und der zeitweise schroffe Umgang mit der „Führungscrew“. 

 

 

Freitag 04.07.2003


Hüttenvormittag; erst am Nachmittag können wir bei nachlassendem Regen die Gruppe doch noch zum Seilbrücken-Bau überreden. Zuerst bauen wir einen niedrigen Gang zwischen zwei nahe stehenden Bäumen. Da die Jugendlichen die Knoten schon beherrschen, können sie vonAnfang an beim Aufbau mithelfen. Insgesamt ist aber eine eher lustlose Stimmung, die viel Motivationsarbeit erfordert. Das Begehen des Ganges bringt aber wieder etwas Leben in die Gruppe. Danach gehen wir die steile Böschung zum Bach hinunter und wandern ein Stück das rutschige Bachbett hinauf, was überraschenderweise sehr gut ankommt. Bei einer geeigneten Stelle bereiten wiralles für den Bau einer hohen Seilbrücke (ca. 3m hoch, 12m lang) vor. Einige helfen gut mit, anderen ist wie so oft die Rauchpause am Wichtigsten. Bei der Begehung herrscht aber eine ruhige, gespannte und solidarische Stimmung. In dieser Stimmung trauen sich alle, die Meisten sogar mit Sprung in die Sicherung. Die Atmosphäre ist wieder sehr gut. Und abends macht die Kochcrew Gemüsereis. Lecker.

 

Seilbrückenbau Seilbrückenbau

 


Samstag 05.07.2003


Leider müssen wir heute eines der beiden Mädchen verabschieden, da sie am Abend nach Frankreich reist. Wir machen eine kurze Abschiedsrunde für sie mit dem „Blitzlicht“ (jedeR hat solange sein Streichholz brennt die Zeit, ihr etwas Schönes mit auf den Weg zu geben) und mit der „Schaukel“ (alle schaukeln sie auf ihren Armen hin und her, danach wird geerdet). Eine schöne Zeremonie. Auchheute herrscht wieder große Unlust, aus dem Haus zu gehen.Verständlich, denn das Wetter ist wirklich besch***en; und das im Juli. Mit viel Mühe überzeugen wir einige von der Qualität unserer Vorhaben; drei Burschen üben sich aber in offenerRebellion und bleiben in der Hütte. Mit den restlichen Dreien machen wir im Wald ganz ruhige Natur- undSelbsterfahrungsspiele. Es stellt sich das Gefühl ein, dass die „Stubenhocker“ auf jeden Fall ein paar schöne Erfahrungen verpasst haben. Zum Abschluss wird noch einmal groß gegrillt, doch bald fängt es wieder an zu regnen. Eine Gruppe harrt am Feuer aus, während die andere im Schlafraum abhängt und „Furzwettbewerbe" und ähnliches veranstaltet.

 

Die Stubenhocker Natur- und Selbsterfahrungsspiele Lagerfeuer

 


Sonntag 06.07.2003


Das Packen und Aufräumen gestaltet sich zäh. Offensichtlich ist dies die komplexeste Kooperationsaufgabe für die Jugendlichen in dieser Woche. Die Stimmung ist schlussendlich gar nicht mehr so gut, so dass die Abschlussrunde leider ziemlich untergeht. Schade; aber auf der Heimfahrt sieht alles schon wieder ganz anders aus und viele schöne Erinnerungen werden ausgetauscht.

 

 

 

Beurteilung des Projekts

 


Insgesamt kann das Projekt als voller Erfolg bezeichnet werden. Alle sind gesund wieder zuhause angekommen, alle – die BetreuerInnen eingeschlossen – haben für sich neue Erfahrungen gesammelt und das in einer größtenteils sehr angenehmen und auch lustigen Atmosphäre, sowohl bei den Aktivitäten, als auch im „Hüttenalltag“. Die Gesamtorganisation hat aufgrund intensiver Vorbereitung ausgezeichnet geklappt und so konnte dem positiven Ablauf der Bahnfrei-Bergwoche auch das wirklich üble Wetter kaum etwas anhaben. Im Folgenden sollen einzelne Bereiche gesondert betrachtet und beurteilt werden.

 


Sicherheit und Alpintechnik


Im Bezug auf alpintechnische Fertigkeiten und die daraus resultierende Sicherheit für die TeilnehmerInnen kann ein sehr positives Fazit gezogen werden. Hier machte sich die intensive Projektvorbereitung bezahlt. Diese umfasste im voraus die eingehende Besichtigung der Schauplätze und die Abschätzung möglicher örtlicher Risikofaktoren, ein gemeinsames Vorbereitungsklettern des Leitungsteams und die Auseinandersetzung mit möglichen Risiken in den Vorbereitungstreffen mit den Jugendlichen. Ebenso wurde kurz vor Projektbeginn vom Bahnfrei-Team ein Erste-Hilfe-Kurs besucht und auch das nötige Material zur Erstversorgung im alpinen Gelände besorgt. Zum Glück mussten wir auf dieses Know-How nicht zurück greifen. Dies lag auch daran, dass nur erlebnispädagogische Elemente verwendet wurden, deren Techniken und Sicherheitsaspekte von der Leitung einwandfrei beherrscht wurden. Die daraus resultierende „sichere“ Atmosphäre wurde von den Jugendlichen wohl auch gespürt; schließlich konnten sie sich meistens als komplette Gruppe an den angebotenen Aktivitäten beteiligen. Mit einer gehörigen Portion Angst zwar; aber auch mit dem Gefühl, dass „nicht wirklich etwas passieren kann.“

 

 

Teamwork


Als großer Vorteil erwies sich der Umstand, dass das Leitungsteam auch sonst im Team zusammen gut arbeitet und sich in vielen Situationen ohne große Worte verständigen konnte. Dies kann bei erlebnispädagogischen Aktivitäten nicht hoch genug eingeschätzt werden, da es gerade bei risikobehafteten Elementen besonders auf das „blinde Vertrauen“ innerhalb des Teams ankommt.

 


Reflexion

 

Die Reflexion hat in der Erlebnispädagogik einen großen Stellenwert. Durch sie soll das Erlebte vom Teilnehmer einge-ordnet werden und Verbindungen zum Alltagsleben hergestellt werden. Während der Bergwoche offenbarte sich bei der Reflexion das Erfahrungsdefizit der Leitung; es fehlte hier am nötigen Methodenrepertoire und an geeigneten Motivationstechniken. So gestaltete es sich bei der schlechten Witterung zunehmend schwierig, im Anschluss an die Aktivitäten eine geeignete und akzeptierte Reflexionsform zu finden. Wurde hingegen die Reflexion, wie z.B. nach der sehr nassen Wanderung, auf den nächsten Tag verschoben, war es wiederum schwierig, das Erlebte wieder unmittelbar greifbar zu machen und zu thematisieren. So kam es, dass die Reflexion immer etwas zwischen Anspruch und Wirklichkeit hin- und hertaumelte und von den Jugendlichen meist als nicht sonderlich lustvoll wahrgenommen wurde. Besonders schade war, dass die Abschlussreflexion total schief lief, da sie nach einem aufreibenden Hüttenputz in einer besonders gereizten und müden Stimmung stattfand. In der Bergwoche hat es sich als Nachteil erwiesen, dass zu einzelnen Aktivitäten im voraus eine Reflexionsmethode geplant wurde. Als Erfahrung kann daher mitgenommen werden, dass eine gelungene Reflexion mit der Wahl der passenden Methode beginnt. Diese sollte passen zur aktuellen Stimmung in der Gruppe und bei einem selbst, zu den äußeren Faktoren, wie Nässe, Kälte, Hunger, Erschöpfung und auch zum Stand der Gruppe. So kann z.B. verhindert werden, dass gerade andere Bedürfnisse wichtiger sind als die Reflexion oder dass sie komplett in einer Welle pubertärer Albernheit untergeht. Allerdings ist dazu viel Erfahrung notwendig, die wir noch nicht haben konnten. Es sei auch darauf verwiesen, dass wir mit der Reflexion auch sehr positive Akzente setzen konnten. Die Methode „1000 Sprüche“ (siehe Foto) nach dem Klettern kam z.B. gut an: aus einer großen Auswahl von Zitaten zum Themenkomplex „Mut“, „Risiko“, „Angst“, konnte sich jeder Jugendliche eines aussuchen. Danach wurde die Wahl erklärt und eigene Empfindungen hinzugefügt. Durch diese Methode fiel es den Jugendlichen leichter, z.B. Ängste zuzugeben, denn es waren ja zunächst nicht die eigenen Worte, mit denen man etwas ausdrücken musste. Diese Methode war stimmig, passte durch die ruhige Ausführung gut zur Stimmung am Fels und war daher eine der gelungenen Reflexionen bei der Bergwoche.

 


Zielerreichung

 

Bezogen auf das Ziel der Förderung des eigenverant-wortlichen Handelns, stellte dieBergwoche ein Wechselbad der Gefühle dar. Das Leben in der Selbstversorgerhütte verlief ausgesprochen harmonisch und auch der jeweilige Küchendienst machte seine Arbeit durchwegs gut und ohne allzu viel Murren. Andererseits gestalteten sich manche Aktivitäten schwieriger als erwartet; eben weil von den Jugendlichen nur ungern Verantwortung übernommen wurde. Dies war schon bei den Kooperationsspielen spürbar und im besonderen Maße bei der Führung der Wanderung; jeweils wurden Lösungen von Seiten der Betreuer erwartet, die Jugendlichen selbst taten sich schwer, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Hier spielte wahrscheinlich der Umstand, dass wir auch im Alltag „ihre“ Jugendbetreuer sind, eine große Rolle; sie sind es gewohnt, dass wir einen klaren Rahmen setzen und uns um ihre Anliegen kümmern. In diesem Fall wäre eine größere Distanz zwischen Leitung und Gruppe eher von Vorteil gewesen.

Das Thema „Alkohol“, das im Vorfeld so präsent war, war dann letztendlich während der Bergwoche gar keines. Unsere Strategie, die Jugendlichen zu fordern und ihnen eine Vielzahl neuer Erfahrungen zu bieten, ist völlig aufgegangen. In Maßen hatten wir den Konsum gestattet; insgesamt wurden aber in der ganzen Woche nur 5 Bier getrunken. Da oft aus reiner Langeweile getrunken wird, zeigt dies, dass den Jugendlichen ganz sicher nicht langweilig war und auch dass unser Angebot die gesamte Gruppe über die ganze Zeitspanne angesprochen hat. Sie konnten sich darauf einlassen und waren dementsprechend am Abend auch müde und ausgefüllt. Ein großes Kompliment für unsere Arbeit.
Genauso wie der eigene Erfahrungshorizont hat sich bei allen auch ihr persönliches Know-How erweitert. Ob Knoten knüpfen, Kochen, Holz hacken, Karten lesen oder viele andere Dinge: jeder Tag brachte für alle Gruppenmitglieder ein Stück Neuland. Wie sehr sich diese neuen Erfahrungen und Kenntnisse in den Alltag übertragen lassen, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Besonders erfreulich war, dass vor allem die beiden Mädchen hoch motiviert waren und eine besondere Freude am „Neuen“ hatten. Dadurch wurden sie zu wichtigen Führungs-persönlichkeiten in der Gruppe und konnten die manchmal skeptischeren Burschen mitreißen. Hier waren in den einzelnen Aktivitäten gar keine pädagogischen Interventionen nötig; die Mädchen waren voll dabei und mussten nicht speziell gefördert werden.
Auch bezüglich des Umgangs mit der Natur brachte die Bergwoche neue Erfahrungen für die Gruppe. Ökologische Aspekte wurden von uns bewusst in den Mittelpunkt gestellt. So war es z.B. eine fixe Regel, Zigarettenstummel und anderen Abfall nicht wie gewohnt irgendwohin zu werfen, sondern in die mitgeführte „Tschikbox“ oder ins Plastiksackerl. Interessant war dabei, dass diese Regel sehr schnell angenommen wurde und die Jugendlichen selbst auf die Einhaltung achteten oder darauf, dass das Glas mit Schraubverschluss für die Stummel immer bei den Aktivitäten dabei war. Dieser Umgang mit dem Thema „ökologisches Verhalten“ wäre in der vertrauten Umgebung der Stadt so nicht möglich gewesen und zeigt, dass die direkte Auseinandersetzung mit der Natur auch für den Umgang mit ihr sensibilisiert. Natürlich sind hier in einem 5-tägigen Projekt nur kleine Schritte möglich. Vom konkreten Umgang mit der Natur abgesehen, war es für die meisten ein besonderes Erlebnis, sich so lange in ihr aufzuhalten; sich z.B. darauf vorzubereiten, längere Phasen im Freien zu verbringen („auch Rucksack packen will gelernt sein“), bei den Naturerfahrungsspielen das Umfeld bewusst und mit mehreren Sinnen zu erleben oder auch nachts ohne Betreuer Fackelzüge im Wald zu veranstalten. Jeder Jugendliche hat auf diese Weise neue und zum Teil ganz persönliche Erfahrungen mit der Natur und den Bergen mit nach Hause genommen.

 


Ausblick


Wie eingangs schon erwähnt, stellte die Bergwoche den Startschuss für die erlebnispädagogische Arbeit beim Verein Bahnfrei dar. Weitere Projekte werden folgen; so ist im Winter z.B. ein Schneeschuh-Wochenende mit Übernachtung im Iglu angedacht. Einzelne Kletteraktionen sind für den Herbst geplant.

 

Es wird sich zeigen, ob sich durch diese Einzelaktivitäten eine fixe Gruppe herausbildet oder ob sich immer wieder neue Jugendliche vom Reiz des Abenteuers „anstecken“ lassen. Durch die Offenheit und Niederschwelligkeit unserer Jugendarbeit sind der erlebnispädagogischen Gruppenarbeit aber sicher Grenzen gesetzt, da dadurch viele personelle und finanzielle Ressourcen für verhältnismäßig wenige Personen verbraucht würden. Die Breitenwirkung erlebnispädagogischer Arbeit wird beim Verein Bahnfrei daher stets zu beachten sein. Es muss auch geprüft werden, inwiefern sich einzelne Elemente alpiner Erlebnispädagogik auch im urbanen Raum anwenden lassen. Oft fällt es schwer, Jugendliche zu lange vorbereiteten Aktivitäten zu motivieren, während dies bei einer „spontanen Aktion“ im eigenen Grätzel viel leichter fällt. Hier können einzelne Elemente, wie z.B. eine Abseilaktion vom Dach eines Hauses, bewusst zur Motivation und damit als Türöffner eingesetzt werden. Wir sind uns aber bewusst, dass Erlebnispädagogik mit Stadtjugendlichen seine ganze Erlebnisvielfalt und Wirkung auf die Beteiligten nur entfalten kann, wenn sie sich vor dem Hintergrund des Erlebnisses „Natur“ abspielt. Daher wird die Verwendung erlebnispädagogischer Spielformen im städtischen Raum lediglich als Einstieg genutzt werden, um Jugendlichen Lust darauf zu machen, ihre gewohnte Umgebung und später auch gewohnte Verhaltensweisen im Zuge der Aktivitäten zu verlassen.
Die Begeisterung und der Spaß der Bergwoche 2003 – sowohl bei den teilnehmenden Jugendlichen und als auch den BetreuerInnen – und die dazu gehörige Mundpropaganda wird jedenfalls dafür sorgen, das die Erlebnispädagogik in Zukunft ihren festen Stellenwert in der Arbeit des Vereins haben wird.

 

 

Projektbericht zum Download (PDF, 1,79MB)

 

 

 

Kontakt


Frank Wenning
Verein Bahnfrei; Ocwirkgasse 13, 1210 Wien
Tel. 06991/1958163
E-MAIL: waggon@bahnfrei.at

Homepage: www.bahnfrei.at

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