Missgeschicke Eine Sammlung erlebnispädagogischer Praxisfälle
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Missgeschicke
Eine Sammlung erlebnispädagogischer Praxisfälle 54 Praxisfälle 211 Seiten, 58 Photos, 23 Abbildungen € 16,90 Eigenverlag Dewald-Kraus-Schwiersch GbR
Nähere Infos und Bestellung | Rezension von Andreas Bedacht:
Wie an einem unsichtbaren Zweitrucksack tragen Erlebnispädagogen schwer an der Verantwortung für die physische und psychische Sicherheit ihrer anvertrauten Teilnehmer. „Zero Accident“ bleibt dabei ein ebenso erklärtes wie unerreichbares Ideal- nicht immer ist der Mensch Meister des eigenen Geschicks. Ausführlich wurden vielleicht der Aufstieg, minutiös die Seilbrücke oder das Biwak in der Vorbereitung besprochen und arrangiert. Wären dann nur nicht der Streit in der Gruppe, das nächtliche Gewitter oder andere unvorhersehbare Ereignisse gewesen, wäre alles gut gegangen... Wie Witz und Wirkung verhalten Planung und Ergebnis erlebnispädagogischer Maßnahmen sich manchmal tatsächlich zueinander: Bereits der Titel „Missgeschicke“ deutet die Philosophie des Buches an: Wilfried Dewald, Lydia Kraus und Martin Schwiersch legen eine ausgewählte Sammlung von unvorhergesehenen Ereignissen aus der erlebnispädagogischen Praxis vor. Das Augenmerk liegt in der Auswertung 55 über Jahre gesammelter, ausgewählter, auch eigener (beinahe) (Un-)Fälle aus der -im weiten Sinne- alpinen Erlebnispädagogik. Eine Schuldzuweisung individueller Versäumnisse unterbleibt erfreulicherweise, umso mehr kann der Leser von den gesammelten Erfahrungen profitieren. Alle ernsten oder gelegentlich auch amüsanten Ereignisse werden prägnant und so ausführlich wie nötig geschildert und erläutert. Aussagekräftige Bilder und gelungene Cartoons dienen der Verdeutlichung. Systematisiert und anschaulich nach unterschiedlichen Kriterien eingeordnet, ist die vorgelegte, offensive Auswertung der Geschehnisse für den interessierten Pädagogen äußerst erkenntnisreich. Oftmals kann sich der aufmerksame Leser mit dem geschilderten Erfahrungsschatz identifizieren: „So oder ähnlich hätte das damals bei mir auch ausgehen können...“. Psychologische Betrachtungen erklären und typologisieren die eigenen und die beschriebenen Fälle, eine Checkliste für das eigene Krisenmanagement rundet das Buch ab. Allen Mitarbeitern der Veröffentlichung ist dafür zu danken, dass durch ihre Offenbarungen vielleicht in der Zukunft manches folgenreiche Ereignis verhindert werden kann. Auf fachlich fundierte und dabei spannende Weise knüpfen die Autoren mit dieser Haltung der Offenheit an eine im angelsächsischen Raum etablierte Tradition an und beginnen mit ihrem Buch eine Lücke in der deutschsprachigen Literatur zu schließen. Von
„Missgeschicke“ profitieren sowohl Einsteiger als auch Profis der Erlebnispädagogik. Ein Aufruf der Autoren, weitere Fälle einzureichen, lässt auf ein Nachfolgeprojekt hoffen.
Rezension von Jürgen Einwanger:
Aufruf zu einer neuen „Fehlerkultur“!
Dieses Buch befreit. In dem handlungsorientierten Arbeitsbereich, der stark durch juristische Unsicherheit geprägt ist, ist dieses Plädoyer für „Fehlerfreundlichkeit“ der erste mir bekannte Versuch, Missgeschicke als Lernchancen zu definieren und sie damit zu enttabuisieren.
In einer sehr übersichtlichen und gut erläuterten Struktur stellen die Autoren Praxisfälle vor, die von „mutigen“ EinsenderInnen zur Verfügung gestellt und mit persönlichen Schlussfolgerungen versehen sind. Die Autoren kommentieren die Falldarstellungen, um eine vertiefende Sicht zu ermöglichen. Und darin liegt für mich das Besondere dieser Sammlung. Es gilt keine Zeile dem Vorwurf oder der Besserwisserei, wenn Fehlerquellen oder Prozessabläufe dargestellt und analysiert werden. Die Autoren gehen sehr behutsam mit den Ereignissen um und werden ihrer Verantwortung gerecht, die eine solche Darstellung mit sich bringt. Für mich eine „aus Fehlern lernt man - Chance!“ in Reinkultur!
In vielen Fällen erkennt sich der Leser selbst wieder, sieht sich in den Rollen der Agierenden – in zwei Fällen trifft das bei mir persönlich sogar sehr direkt zu, war ich doch als Teilnehmer konkret betroffen – aber auch viele der anderen Schilderungen erlauben Identifikation. Für die praktische Arbeit bringt diese Auseinadersetzung vor allem den Vorteil, dass die beim Lesen überspringende Akzeptanz gegenüber Fehlern eine innerer Wachsamkeit erlaubt, die durch Verdrängung nicht entstehen kann. Aus dieser „Fehlerfreundlichkeit“ resultiert eine Sensibilisierung ohne bitteren Beigeschmack und damit könnte man sie als Unfallprävention im weitern Sinne bezeichnen.
Daher möchte ich dieses Buch allen wärmsten empfehlen, die mit Gruppen unterwegs sind und von sich selbst wissen, dass sie nicht durch mahnende Zeigefinger, sondern durch konstruktiv erworbenes Verständnis lernen, mit den auftretenden komplexen Situationen kompetenter umzugehen.
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