RISK + FUN Manual



 

RISK+FUN - Peergroup-education - MANUAL
Risikoprävention für jugendliche SnowboarderInnen / SportklettererInnen
Herausgeber: Österreichische Alpenvereinsjugend und Naturfreundejugend
Innsbruck 2002

Ringmappe 255 Seiten + Arbeitsblätter und CD-Rom

Preis 50,00 €

 

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Nähere Infos zum Projekt risk´n´fun 

 

Kurzbeschreibung von Gerald Koller

RISK + FUN
Das Handbuch zum weltweit ersten peergroup-Projekt im Risikosport

RISK + FUN war ein Pilotprojekt des Österreichischen Alpenvereins und der Naturfreunde Österreich, das neue Wege der Vermittlung von Risikokompetenz mit Jugendlichen erschlossen hat: statt der Bekämpfung des Risikoverhaltens junger Sportkletterer und SnowboarderInnen wird ihre Sehnsucht nach dem „Kick“ ernstgenommen. Praktische Trainings unterstützen Mitglieder von Cliquen und Jugendszenen, optimaleres Risikoverhalten zu entwickeln. Als peer leaders können sie dann in ihren Freundeskreisen ihre erweiterten Fähigkeiten weitergeben: nämlich Technik, Natur, Gruppendruck und persönliches Befinden am Berg in Einklang zu bringen.

Das Manual (Curriculum, Reader und CD-Rom) zum Projekt stellt praxisnah den Aufbau und die Ergebnisse des 2-jährigen Prozesses vor: neben Grundlagen und Szeneanalysen finden sich Trainingspläne und methodische Anregungen in großer Auswahl. Somit schafft das Handbuch vielfältige Einblicke, die PraktikerInnen der Jugend-, Sport- und Gesundheitsarbeit für ihre Arbeit mit Jugendlichen verwenden können.

 

Rezension von Martin Schwiersch

„Rollenspiele taugen auch für coole SnowboarderInnen“
Risk+Fun. Peergroup-Education. Das Manual
Rezension
M. Schwiersch, 08. 04. 02

Da bringt die Post aber ein Paket: Eine Handreichung, die man besser mit zwei Händen hält, einen ausgewachsenen Ordner, übersichtlich mit Trennblättern gegliedert, 255 Seiten stark zuzüglich Arbeitsmaterialien und mitgelieferter CD.
Dieser gewichtige Ersteindruck wird gestützt beim ersten Durchblättern: Viel Praxis, hohe Transparenz, nachvollziehbare Übungsbeschreibungen, gut gemischt mit ansprechend formulierter Theorie. Wenn in ein Manual eines Projekts etwas von der Lebendigkeit und Vielfalt des Projekts selbst eingeht, dann war dieses Projekt vermutlich lebendig und vielfältig ... .
Die Idee von Risk+Fun ist eigentlich einfach, und, wie bei allen guten Ideen fragt man sich, warum niemand früher draufgekommen ist: Es geht darum, jugendliche Peer-leader darin auszubilden, mit Risikosituationen reflektiert und positiv umzugehen – und sie darin zu unterstützen, mit den Jugendlichen ihrer Peer-group die für den Umgang mit Risikosituationen gewonnen Werte und Kompetenzen zu leben und sie dadurch weiterzugeben. So verbinden sich drei Bereiche: Der Ansatz der Peer-education, der in die Suchtprävention Eingang gefunden hat, die Idee des Risikos als eines positiven Werts, die im Risikomanifest des Österreichischen Alpenvereins seinen sichtbarsten Ausdruck gefunden hat (wenngleich es zu anderen Zeiten und Orten durchaus Vorläufer gegeben hat) und die Szene- resp. Trendsportarten Sportklettern und Snowboardfahren, die die beiden „Gegenstandsbereiche“ des Projekts „Risk+Fun“ sind.
Was ist dieses Projekt nun? Ein pädagogisch aufgepeppter Lawinen- und Kletterkurs? Ein Versuch von Erwachsenen, sich der ihnen verschlossenen Welt der Jugendlichen mit noch einer neuen Methode zu nähern? Oder ein Ansatz, der über die Alpinausbildung hinausgeht und doch um die Differenz der Welten weiß – und gerade daher seine Legitimation bezieht? „Risk+Fun ist ein pädagogisches Programm zum Erwerb von Risikokompetenz bei Natursportarten für Jugendliche von 15-20 Jahren und arbeitet nach dem Konzept der Peer-education“, so die bündige Zusammenfassung im Lizenzvertrag. Was bedeutet das konkret?
„Risikomanagement braucht Zeit“, dieser zentrale Grundsatz von Risk+Fun stellt das Projekt schon mal auf eine gute Grundlage. Konsequent dauert ein Risk+Fun-Projekt daher eine ganze Saison: eine Wintersaison für den Bereich Snowboard, einen Sommer für den Bereich Sportklettern. Zeit macht Wahrnehmung möglich: Dies ist der nächste Ansatzpunkt des Projekts. Risikosituationen, da sind sich Theoretiker und Praktiker einig, verlangen eine gute Wahrnehmung von demjenigen, der sie „teilnehmend managt“. Eine Wahrnehmung, die sowohl auf die äußeren Risikoaspekte (z.B. die Schneesituation) wie auch auf innere Prozesse in der Gruppe und der Person in der Gruppe eingeht. Wie lehrt man jugendlichen Snowboardern, die bislang Lawinenkunde als störend für den Lustgewinn erachtet haben, eine gute lawinenkundliche Wahrnehmung? Praktisch, dialogisch und partizipativ – das sind die didaktischen Parameter des Projekts. Die Idee ist, daß jeder Schritt in Richtung Verbesserung der Wahrnehmung ein guter ist; und, wo das Streben nach lawinenkundlicher Vollständigkeit die Lernbereitschaft untergraben würde, Weniger zu Mehr führt. Auf den ersten Blick mag das viertägige Herzstück der Peer-Ausbildung als zu kurz erscheinen, wenn es darum geht, alpintechnisches, gruppendynamisches und personorientiertes Lernen zu verbinden. Der Lawinenfachmann, der Gruppendynamiker und der Psychologe mögen skeptisch den Kopf neigen – aber das wesentliche ist: Der Kurs findet statt – und schon das Pilotprojekt erreichte ca. 150 Peers.
Das „Kursherz“ des Projekts ist – das muß erwähnt werden, damit ein angemessener Eindruck des Projekts entsteht – in einen gut durchdachten Programmkörper eingebettet: Ein separates Warm-up Wochenende führt zur Thematik hin, nach dem Ausbildungskurs werden die Peers bei Umsetzungsfragen seitens der Trainer unterstützt („Support-Phase“); eine zweitägige Chill-out Veranstaltung schließt das Projekt ab. Parallel wurde eine – auch im Internet repräsentierte – Community implementiert sowie die Public Relation strategisch geplant.
Transparenz ist der zentrale Eindruck des Manuals. Detaillierte Tages- und Wochenprogramme, Kostenaufstellungen, ausführliche Übungsbeschreibungen liefern alles Wesentliche, was für eine Projektübernahme erforderlich ist. Darüber hinaus plaudern die AutorInnen aus dem Nähkästchen: Wenn empfohlen wird, die Pistenchefs einzubeziehen in die Inforecherche über ein Skigebiet, oder eine Unterkunft vorher zu besichtigen, dann kann man sich vorstellen, wie es in der praktischen Arbeit dazu kam, dies für wichtig zu nehmen.
Gelungen ist die Integration der Begleitevaluation in die Konzeptkapitel. So werden einige der Fragen, die sich der Leser während des Durcharbeitens der Kapitel stellt, gleich an Ort und Stelle beantwortet.
Die beiden Gegenstandsbereiche Snowboard und Sportklettern werden jeweils ausführlich beschrieben. Dies führt zu unumgänglichen Wiederholungen, kommt aber denjenigen entgegen, die sich nur für einen Bereich interessieren.
Bezüglich der Wahl der Gegenstandsbereiche Snowboarden und Sportklettern kann kritisch angemerkt werden, daß diese sich vermutlich mehr unterscheiden, als den Projektinitiatoren lieb sein wird: Während das Snowboarden eine eigenständige (Gegen-)szene bildet – und damit ein „muß“ für ein solches Projekt darstellt, stellt das Sportklettern mittlerweile doch eher einen main stream dar (dies wird auch nicht verschwiegen). Das Analogon zum Snowboarden wäre m.E. doch eher das Bouldern. Es ist allerdings jederzeit möglich, den Risk+Fun-Ansatz auf andere Gegenstandsbereiche auszuweiten.
Der Eindruck der ersten Seiten des „Readers“, also der Zusammenstellung der theoretischen Hintergründe, ist zunächst zwiespältig. Die Begriffe Risiko und Wagnis scheinen sich hartnäckig einer handhabbaren Definition zu entziehen: Eine mathematische Definition geht am psychologischen Kern vorbei; der Versuch, diesen zu formulieren, endet meist in allgemeinen Formulierungen. Die Literatur hierzu wurde aktuell und mit einer großen Bandbreite rezipiert; ihre Darstellung ist jedoch zum Teil so komprimiert, daß keine Begriffsentfaltung sichtbar wird. Doch nach wenigen Seiten kommt der Text zur Sache – und wird konkret in den Kapiteln „Risikooptimierung“, „flow und kick“, „Risikoprävention“, „Partizipation“, der Beschreibung des Zusammenhangs zwischen Risiko und Salutogenese sowie der Begründung des Peer-Ansatzes. Dabei werden auch kritische Aspekte nicht verschwiegen (Kap. 2.6). Knapp, nachvollziehbar und gut zu lesen wird hier die theoretische Grundlegung des Projekts deutlich.
Eine Dokumentation darf redaktionelle Schwächen haben – gehen doch die Ressourcen für die Dokumentationserstellung von der eigentlichen Projektarbeit ab. So sind Kapitelverweise in Einzelfällen unrichtig. Auch heißt das Buch von J. Simpson „Spiel der Geister“ – nicht der „Gletscher“ (S. 222). Mehr als aufgewogen wird das durch die beigelegte CD, die herunterladbare Papierdokumente bereitstellt und über Audiodokumente das Atmosphärische des Projekts gut rüberbringt.
Wirkt´s? Die Begleitevaluation zeigt, daß sich im Projektablauf sowohl das fachliche Wissen wie auch die Grundhaltung im Umgang mit Risikosituationen förderlich verändern: Die Verbesserung des Alpinwissens bei Snowboardern wird als „absolut gelungen“ eingeschätzt, wobei hier die hohe Ausfülltreue der Fragebögen ein valides Kriterium für die Motivation der Peer-leaders ist. Und zur Methodik merkt ein Peer nach großer Skepsis gegenüber der Pädagogik an: „Rollenspiele taugen auch für coole SnowboarderInnen“.
Zusammenfassend und mit je einem Wort: Eine umfassende, informative, praktische, unterstützende Dokumentation eines innovativen und vielversprechenden Projekts.

Martin Schwiersch
Dr. Martin Schwiersch, 42
Diplompsychologe, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer





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