Von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie Perspektiven erfahrungsorientierten Lernens auf der Grundlage systemischer und prozessdirektiver Ansätze
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Von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie
Perspektiven erfahrungsorientierten Lernens auf der Grundlage systemischer und prozessdirektiver Ansätze Rüdiger Gilsdorf (2004) 580 S.; 75 Abb.; ISBN 3-89797-024-4 Edition Humanistische Psychologie EUR 34,-; CHF 60,-
Nähere Infos und Bestellung | Der Weg „von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie“ führt über dieses Buch. Die Seitenzahl verrät es: Hier haben wir es mit einem Schwergewicht zu tun. Doch hat dies einen guten Grund: Rüdiger Gilsdorf will seinem Thema gerecht werden, der theoretischen Grundlegung einer Experiential Adventure Therapy. Im Grunde handelt es sich dabei um ein längst überfälliges Unterfangen, das wohl nicht zuletzt wegen der Beziehungsfülle und der daher zu betrachtenden theoretischen Stränge bislang nicht gewagt worden war. Doch nun liegt ein Werk vor, das genau dieses leistet. Der lapidare Untertitel mit der Behauptung, dass als Grundlage „systemische und prozessdirektive Ansätze“ gewählt werden, untertreibt in gut angloamerikanischer Manier: Tatsächlich werden zunächst die theoretischen Stränge der Theoriediskussion innerhalb der Erlebnispädagogik skizziert, wobei hier die Bandbreite von Gruppenprozess- und Lernmodellen über den „flow“ bis hin zu theoretischen Vorstellungen über rituelle Ansätze ausgeschöpft wird. Allein dies ist schon eine bereichernde Lektüre, als der theoriegeneigte Leser konzise Zusammenfassungen vorfindet, die das Wesentliche auf den Punkt bringen – und dabei noch gut zu lesen sind. Danach geht R. Gilsdorf zu seinem eigentlichen Anliegen über, der Begründung einer psychotherapeutisch angelegten erlebnisintensiven Therapie . Als Ausgangspunkt wählt er das Menschenbild und die damit verbundene „Haltung“ der therapeutisch tätigen Person, wobei er – sehr sympathisch – eine Haltung des „Nicht-Wissens“ einnimmt. Damit steht er natürlich quer zur Entwicklung der (Richtlinien)Psychotherapie in der vergangenen Dekade – auf einerseits wohltuende Art, als ein theoretisch interessierter Praktiker unversehens in eine Reflektion versetzt wird, die in anderer Fachliteratur nicht geleistet wird. Andererseits vermisst ein solcher vermutlich Hinweise auf nosologische Kategorien, die es ja nicht nur in den Diagnosesystemen (ICD und DSM) und den Therapiemanualen, sondern auch in der Wirklichkeit gibt („Störungsentität“). Dies ist konsequent in Bezug auf das selbstgesteckte Ziel, „eine Auseinandersetzung mit therapeutischen Handlungsprinzipien“ (S. 43) zu leisten, bleibt damit aber eine Aufgabe, die noch zu leisten ist – wobei es nachvollziehbar ist, dass der Autor diese nicht auch noch schultern wollte. Die Darstellung humanistischer Psychotherapieansätze (Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Focusing), eine Zusammenfassung verschiedener Positionen innerhalb der konstruktivistischen Theorien sowie die Beschreibung der Gruppe als Lern- und Erfahrungsfeld (inkl. Psychodrama) nehmen mit gut 200 Seiten den Raum eines Buches für sich ein. Dies ist allerdings unumgänglich, als jeder Ansatz für sich in den vergangenen Jahrzehnten sich verändert und erweitert hat, und dies vom Autor auch jeweils nachgezeichnet wird. Weiters ist sein Anliegen immer, Bezüge zwischen den Ansätzen und zur Experiential Adventure Therapy herauszuarbeiten. So erhält der Leser quasi nebenbei Einführungen in die jeweiligen Ansätze, ihre Hauptpositionen und Weiterentwicklungen. Beachtlich ist dabei die von Gilsdorf durchgehaltene Grundhaltung: wohlwollend skeptisch, Stärken herausarbeitend, Probleme nicht verschweigend, das Gemeinsame suchend ohne Widersprüche zu überspielen.
Mit einer klaren Struktur werden die besprochenen Theorieansätze integriert. Als Leser möchte man an vielen Stellen ausrufen: Endlich macht sich mal jemand die Mühe, hinter den Begriffsunterschieden das Gemeinsame zu suchen! Doch neben der „großen Linie“ sind es dabei vor allem die „kleinen“ Einsichten, die R. Gilsdorf hier und dort streut, und über die man stolpert wie über besonders schöne Kieselsteine bei einem Strandspaziergang.
INTEGRATION
Wer profitiert von diesem Buch? · Wer theoretische Fundierungen erlebnispädagogischer Arbeit in psychotherapeutischen Settungs lebendig, fundiert und synoptisch präsentiert kennenlernen will, ist bestens bedient. Natürlich hat R. Gilsdorf eine Auswahl getroffen: Nicht betrachtet werden psychoanalytische, jungianische und verhaltenstherapeutische Ansätze. Innerhalb der Schematheorien hätten neurokognitive Hintergrundtheorien oder auch der Ansatz von Grawe noch betrachtet werden können, die Initiatische Therapie nach Dürckheim mit ihrer Betonung des Erlebens ebenfalls – aber in einem Fass ohne Boden muss ein Boden eingezogen werden. · Wer, in der therapeutischen Praxis „steckend“ – wie z.B. der Rezensent, über den Tellerrand des täglichen Handelns blicken will. Der wird zur (Wiederer)Kenntnis nehmen, dass es jenseits der ICD-Diagnosen eine Welt gibt, in der Menschsein heißt, durch Erfahrung erfahrungsoffen zu werden. Ein Buch wie eine große Reise, voller „sparkling moments“, nach der man sich fühlt „with questions but little doubt, with strength but few answers and with vision but little direction“ (nach einem Zitat, S. 400) – und damit erfüllt das vorliegende Werk paradigmatisch das, was R. Gilsdorf als Kernanliegen der Experiential Adventure Therapy sieht.
Dr. Martin Schwiersch Diplompsychologe, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer
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