Handlungsorientierte Ansätze in der Jugendarbeit
(Jürgen Einwanger in "Junge Gemeinde", 2003)
Nun bringt sich auch Hanna voll ein. Durch ihre Kraft unterstützt sie die Gruppe maßgeblich, als diese Marc durch die obere Öffnung des „Spinnenetzes“ hebt. Die zehn Jugendlichen haben sichtlich Spaß bei der Bewältigung der Kooperationsübung - und den sollen sie auch haben! Wobei es auch darum geht, sich besser kennen zu lernen, bevor sie morgen das mehrtägige Bergabenteuer beginnen. Für ihre erlebnisorientierten Projekttage haben sich die Jugendlichen vorgenommen, eine „anspruchsvolle“ Tour mit Biwakübernachtung zu meistern und dabei ist es wichtig, dass alle wissen, wie weit man sich auf die Anderen verlassen kann. So aktionsbereit wie sich Hanna hier zeigt, hätte sie nach dem ersten Kennenlernen wohl niemand eingeschätzt und daher ist es für alle gut, zu sehen, dass sie sich aktiv an den „Aufgaben“ beteiligt und ihren Platz in der Gruppe bekommt.
Letzte Woche war ich mit einer anderen Gruppe am selben Platz. Auch für diese Jugendlichen knüpfte ich ein „Spinnennetz“ - aber für sie diente diese Übung andern Zielen: Einige Tage vorher hatte ich mich mit den Schülern und ihren Lehrern getroffen. Die Klasse hatte sich entschlossen, ein dreitägiges soziales Training zu absolvieren, um ihren aktuellen Problemen mit der, wie sie es nannten, „Klassengemeinschaft“, zu begegnen. Im Laufe des Trainings konnten wir einige Punkte herausarbeiten, die den Schülern ihren Umgang miteinander, ihre Kommunikationskultur und die daraus resultierenden „Ärgerpunkte“ sehr deutlich vor Augen führten. Die Ergebnisse wurden in den Reflexionen von ihnen selbst herausgearbeitet, die Konsequenzen in Handlungsvorsätze für das weitere Schuljahr „übersetzt“. Die neu entdeckten Verhaltensweisen wollten alle Schüler zumindest ausprobieren.
In ein paar Wochen werde ich mich noch einmal mit der Klasse treffen, um mit ihr gemeinsam festzuhalten, ob sich ihre „Lösungsoptionen“ umsetzen ließen und was ihr das Training gebracht hat.
Auch im Rahmen meiner früheren, langjährigen Tätigkeit in der stationären Jugendhilfe (Jugendwohlfahrt) habe ich mit „meinen“ Jugendlichen u.a. das „Spinnennetz“ verwendet. Um bei individuellen Entwicklungsprozessen zusätzliche Hilfestellung anzubieten, begleiteten auch erlebnispädagogische Langzeitprojekte den Heimalltag. Intensive Erfahrungen, die während z.B. Kooperationsübungen wie dem „Spinnennetz“ gemacht werden, bieten Grundlagen für die pädagogische Auseinandersetzung mit Entwicklungszielen. Für die Begleitung der Jugendlichen bei der Umsetzung ihrer Ziele können Impulse und authentische „Bilder“, die während erlebnispädagogischer Projekte entstehen, Anknüpfungspunkte für eine Erweiterung ihrer individuellen Verhaltensstrategien bieten. Als entscheidend für die erfolgreiche Prozessbegleitung habe ich dabei die Faktoren „Zeit“ und „Beziehung“ erlebt. Um die angestrebte Persönlichkeitsentwicklung nachhaltig zu fördern, unterstützen diese Rahmenfaktoren den Transfer der „erlebnispädagogischen“ Erfahrungen in den Alltag maßgeblich.
Dreimal Spinnennetz! - ist das nun immer „dasselbe“, „das Gleiche“ oder doch „das etwas Andere“?
Durch die vielfältigen, sich im Äußeren sehr ähnlichen, von den inhaltlichen Zielen aber sehr verschiedenen Arten, mit ein und der selben Übung, handlungsorientiert mit Jugendlichen zu arbeiten, hat sich bei mir ein Bedürfnis entwickelt, die Herangehensweisen in ihren Unterschieden kommunizierbar zu machen. Ein sinnvolles System erscheint mir dabei die Differenzierung nach der zu Grunde liegenden Handlungsmotivation, dem „Auftrag“, zu sein. Was mache ich warum mit wem? Danach ergibt sich für die oben stehenden Beispiele die Unterscheidung in „erlebnisorientierte Freizeit“ – „soziale Trainings“ – „Erlebnispädagogik“. Wobei die Grenzen sicher fließend sind und eine exakte Definition auch nicht Ziel dieser Darstellung ist.
In dem von mir zusammengestellten „Motivationsmodell“ unterscheide ich daher insgesamt acht Handlungsfelder: Erlebnistherapie – Erlebnispädagogik – erlebnisorientierte Angebote – Freizeitangebote – Animation – Outdoor Adventure – Incentive – Teamtraining (Soziales Training).
Diese Einteilung soll nicht ein „Schubladendenken“ unterstützen, das in der Arbeit mit Menschen ohnehin nirgends weiterhilft, sondern ein wenig Überblick schaffen. Es soll auch den Prozess der Wertschätzung gegenüber den verschiedenen Arbeitsfeldern in der Natur unterstützen und die Erlebnispädagogik als nur einen (und eben nicht als den besseren) handlungsorientierten Ansatz unter vielen anderen darstellen.
Im Rahmen der „Obernberger Seminare“, dem Bildungsangebot der Alpenvereinsjugend, versuchen wir, diesen unterschiedlichen Erwartungen Rechnung zu tragen, indem wir differenzierte Lehrgänge und Seminare anbieten. Differenziert nach den „Arbeitsbereichen“, und damit der Ausbildungsmotivation, der TeilnehmerInnen.
Ø Der Lehrgang „Berufsbegleitende Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik“ stellt das pädagogisch-therapeutische Handeln in den Mittelpunkt.
Ø Inhalt des Lehrgangs „Spiel und Abenteuer“, der für die erlebnisorientierte Arbeit mit Jugendlichen Anregungen geben will, sind ebenfalls viele Möglichkeiten im alpinen Naturraum und
Ø „Jugendarbeit integrativ“ ist ein Lehrgang, der dazu ermutigen möchte, behinderte Jugendliche in erlebnisorientierte Gruppenarbeit zu integrieren.
Diese drei Lehrgänge werden in Österreich und Südtirol über alle Landesjugendreferate als „beruflich qualifizierende Weiterbildung“ durch das „aufZAQ“ Zertifikat anerkannt.
Ø Der Lehrgang „Mit Kindern unterwegs“ erarbeitet, gemeinsam mit Kindern, den Zugang zur Natur, der durch die Neugierde und das Tempo der Kinder bestimmt ist.
Ø Ein neuer Lehrgang, der sich mit der Leitung von Gruppen sowohl im „Seminarraum“ als auch auf „Reisen“ beschäftigt, wird ab 2004 ebenfalls über die Alpenvereinsjugend angeboten und zertifiziert.
Viele einzelne Seminare zu Themen des naturbezogenen Arbeitens mit Kindern und Jugendlichen ergänzen das Obernberger Weiterbildungsprogramm (Näheres unter www.obernberger-seminare.at).
Durch die Vielfalt der verschiedenen Anbieter, die insgesamt ein breites und buntes Themenspektrum abdecken, gibt es die Möglichkeit, sich in diesem Bereich sehr gezielt weiterzubilden. Und da „handlungsorientiertes Arbeiten“ sicher einer der Arbeitsansätze ist, mit denen Kinder und Jugendliche am besten erreicht werden können und bei dem der gemeinsame Spaß eine zentrale Rolle spielt, kann ich aus meiner Erfahrung nur empfehlen, sich damit einmal etwas näher zu beschäftigen, um die Potentiale handlungsorientierter Ansätze für das eigene Handlungsfeld auszuloten.
Dipl. Sozialpäd. Jürgen Einwanger
Gesamtleiter
SPOT Obernberg (Umwelt- und erlebnispädagogisches Zentrum der Alpenvereinsjugend)
Obernberger Seminare (Bildungsprogramm der Alpenvereinsjugend)